5. Die Arbeitsgesellschaft wird wieder lebendig: Der 4-3-2-1-Pfad zu einem neuen Gesellschaftsvertrag


Ein neuer Gesellschaftsvertrag ist das Modernisierungprojekt der Gegenwart, das diesen Namen verdient. Darauf verweisen die Schlüsselfragen, Kernthesen und Grundforderungen des folgenden Kastens:


 Woher kommen die Einkommen der Kleinen Leute in der menschenleeren Fabrik?

Die Einkommensquellen der einen sprudeln immer kräftiger, die Einkommensquellen der Massen versiegen.

Wer auf moderne Technologien setzt in der Produktion, braucht auch moderne Formen in der Distribution.

Wir haben die Produktionsmethoden des 21. Jahrhunderts und die Distributionsmethoden des 19. Jahrhunderts.

Wir produzieren mit Bill Gates und verteilen mit Bismarck.

Die technologischen und ökonomischen Innovationen müssen von entsprechenden sozialen und distributiven Innovationen begleitet werden.
Alle anderen Wege schließen wachsende Teile der Bevölkerung von der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum aus und verlassen den Boden der Verfassung.
 

Das dringlichste politisch-gesellschaftliche Reformprojekt unter der Perspektive "Zukunft der Arbeit" in einem neuen Gesellschaftsvertrag ist jetzt eine "breite und nachhaltige Einkommenssicherung" (Sozialwort), d.h. Einkommen für alle und lebenslang durch eine Modernisierung der Verteilungswege.

Es mag sein, dass unterschiedliche Reformansätze, unterschiedliche Reformvorhaben und unterschiedliche Wege zu dem Ziel eines Neuen Gesellschaftsvertrages führen können. Es muss aber so sein, dass zu Beginn ein unverwechselbares Ensemble ins Auge gefasst werden muss, welches in Schaubild 4 dargestellt ist.
In diesem Ensemble müssen alte Rollen festgeschrieben und neue verteilt werden und mit ihm aber eben nur mit ihm muss das neue Werk in Szene gesetzt werden.

1. VIER FORMEN DER ARBEIT

Nun ist ja seit Jahrzehnten in der Diskussion um die Arbeit, ihr Verschwinden und ihre Zukunft, viel die Rede von einem neuen Arbeitsbegriff, von einem erweiterten Arbeitsverständnis, von der Lage und Dauer der Arbeitszeit, vom Wertewandel des menschlichen Bewusstseins im Verhältnis zur Arbeit. Von welcher Arbeit ist die Rede und muss in Zukunft die Rede sein.? Wir kennen vier Formen der Arbeit. Immer wenn in solchen Diskussionen die Rede ist von drei Formen der Arbeit, einer sogenannten Triade der Arbeit, muss man genau hinschauen, warum welche Arbeit hier ungenannte bleibt.

  • Erwerbsarbeit ist die bezahlte Arbeit in Wirtschaft, Staat und in privaten oder öffentlichen Bereichen der Gesellschaft. Sie dominiert nach wie vor das Bewusstsein aller Mitglieder der Gesellschaft, die nach wie vor auf den alten Gesellschaftsvertrag fixiert sind. Ihre Institutionalisierungen strukturieren nach wie vor das gesellschaftliche und private Leben. Die Menschheit wird sortiert nach denen, die dazu gehören und denen, die davon ausgeschlossen sind. Das Leben außerhalb der Erwerbsarbeit wird bezeichnenderweise Freizeit genannt, egal wie viel lebensnotwendige auch schweißtreibende Arbeit außerhalb der Erwerbsarbeit getan wird. Unser Leben wird auf lange Zeit von der Erwerbsarbeit dominiert bleiben.
  • Haus- und Familienarbeit bleibt nach wie vor der den Frauen reservierte Aschenputtelsektor des tätigen Lebens: die stetige Wiederkehr der alltäglichen Verrichtungen zur Bewahrung des Lebens vor dem Tod, Einkaufen-Kochen-Auftischen-Abräumen-Abwaschen-Aufräumen-
    Herrichten-Säubern-Reinigen-Waschen-Bügeln und die stetige Wiederkehr der alltäglichen Betreuung zur Bewahrung der Lieben vor der seelischen Pression. Obwohl selbst jeder Erwerbsarbeitsplatz ein bestimmtes Quantum an Reproduktionsarbeit voraussetzt. wird sie nicht ins Kalkül gezogen, bleibt wertlos und unbeachtet als banalisierte Selbstverständlichkeit. Wertschätzung und gesellschaftliche Anerkennung dieser Arbeit sind auch nach Jahrzehnten der Genderdiskussion nicht entscheidend vorangekommen. Schon vor vielen Jahren hat Sigrid Metz-Göckel das Verhaltensmuster der Männer in der neuen Diskussion brillant auf den Begriff gebracht: "Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre". Ein schönes Beispiel der tiefen männlichen Bewegungs- und Bewusstlosigkeit auf diesem Felde der gesellschaftlichen Arbeit liefert auch das allenthalben so leidenschaftlich um Gerechtigkeit für Frauen bemühte Sozialwort der Kirchen von 1997: "Frauen erhalten einen gerechten Anteil an der Erwerbsarbeit.…Männer übernehmen einen gerechten Anteil an den Haus- Erziehungs- und Pflegearbeiten." (Z. 153) Hier wird das Anliegen der Zweiten Moderne in der Sprache der Vormoderne vorgetragen (Frauen sind immer die Empfangenden und Männer bleiben auch am Ceranfeld die Übernehmenden wie schon auf dem Schlachtfeld) und damit deutlich versichert, dass sich nichts ändern wird.
  • Die Bezeichnung Eigenarbeit taucht seit Mitte der 70er Jahre in der Diskussion um die Zukunft der Arbeit auf und meint die Arbeiten des Menschen zwischen Reproduktionsarbeit und ehrenamtlicher Arbeit: Renovierungs- und Reparaturarbeiten in Wohnung und Haus, kreatürliche Arbeit im Garten und kreatorische im Bereich von Kunsthandwerk und Hobby, Arbeit am Auto oder an der eigenen Persönlichkeit. Sie bewegt sich zwischen Notwendigkeit und Freiheit, ist an die Fähigkeiten und Begabungen des Individuums angepasst, entspringt der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ohne der Entfremdung ganz entgehen zu können. Lange hat es gedauert, sie als eigenes Arbeitsfeld dem Mythos der Freizeit unter der Dominanz der Erwerbsarbeit zu entwinden.
  • Bürgerinnenarbeit hieß früher ehrenamtliche Arbeit und bezeichnet jenseits von Haus und Hof das gesellschaftliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger im weitesten Sinne, sei es im kommunalen Nahbereich oder in internationalen Kontexten. Selbstverwirklichungswünsche im Bereich des geselligen Vereinslebens oder der lokalen Politik kommen hier zum Tragen. Altruistische Motive können zu Formen der sozialen und karitativen Arbeit für Alte, Pflegedürftige, Kranke oder Kinder und Jugendliche führen. Jede bürgerliche Form des Engagements für Gerechtigkeit, Menschenrechte, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Stadt, im Land oder ganz woanders ist Bürgerinnenarbeit im zivilgesellschaftlichen Sinne. Ein schönes Wort für diese wichtigen Tätigkeiten ist der Begriff "republikanische Arbeit" (Ulrich Beck), weil er zum Ausdruck bringt, dass in der Bürgergesellschaft der Freien und Gleichen, die Bürgerinnen und Bürger die Ziele und Formen ihres Engagements selbst formulieren und festlegen, ohne sich vom Staat und den Eliten als Ersatzspieler und Einsatztruppen eines liquidierten Sozialstaates ideologisch manipulieren und praktisch instrumentalisieren zu lassen. Die Zivilgesellschaft ist nicht die Sparvariante des Sozialstaats, sondern kostbares und eben auch kostspieliges Feld bürgerlicher Emanzipation.

Alle diese Formen der Arbeit sind unter uns vorhanden wenn auch in der Tradition einer Hierarchie der männlichen Erwerbsarbeit und immer noch unter den Vorgaben des zerbrochenen Gesellschaftsvertrags. In der Inszenierung eines neuen Gesellschaftsvertrages werden die Rollen neu verteilt werden können, um mehr Gerechtigkeit und Freiheit unter den Menschen und zwischen den Geschlechtern zu erreichen.

2. DREI FORMEN DES EINKOMMENS

Es gibt eine beliebte Variante in der Diskussion um die Zukunft der Arbeit, die um eine Erweiterung des Arbeitsbegriffs bemüht ist, indem die Konzentration auf die Erwerbsarbeit kritisiert wird und vor allem die ehrenamtliche Arbeit hofiert wird, ohne sonderlich nach dem zu fragen, was für den Menschen in seiner Arbeit nun einmal nach unserem alten Gesellschaftsvertrag das Ausschlaggebende ist: Woher kommt das Einkommen, das dem einzelnen Menschen oder seiner Familie ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Deshalb müssen in unserem Ensemble die heute bekannten Formen des Einkommens registriert werden, um die Frage vor Augen zu haben, welche Rolle welche Einkommensart in einem zukünftigen Gesellschaftsvertrag spielen wird. Im Evangelischen Soziallexikon werden in sozialethischer Sicht auf der Verteilungsseite zwei Einkommensarten unterschieden, in denen sich die aus dem Markt resultierende Primärverteilung darstellt: Kapital- und Arbeitseinkommen. Die Sekundärverteilung ist das Ergebnis der Politik des Steuerstaates und des Sozialstaates, die sich auf der Haushaltsseite in Transferleistungen und/oder Transfereinkommen zur Korrektur von Ungerechtigkeiten der ersten Verteilung niederschlägt.

  • Arbeitseinkommen sind Löhne, Gehälter, Renten, Honorare etc. Sie sollen nach dem Leistungsprinzip erzielt werden, wobei es unüberwindliche Probleme in der Leistungsbewertung und Leistungsbemessung gibt. Faktisch ist Leistungsgerechtigkeit bezüglich der Arbeitseinkommen eine Fiktion. Tatsächlich ist die Höhe der Arbeitseinkommen Ergebnis konfliktreicher gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Dabei spielen etablierte Machtverhältnisse (Vorrang des Kapitals vor der Arbeit), traditionelle Verfestigungen (Männerarbeit vor Frauenarbeit, Kopfarbeit vor Handarbeit) und durch lange Gewöhnung eingeschliffene Legitimationseinverständnisse eine beachtliche, wenn nicht die entscheidende Rolle.
    Das Erwerbsarbeitseinkommen ist für die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor die wichtigste Einkommensquelle. Die ausgeprägten Einkommensunterschiede führen wiederum zu sehr ungleichen Möglichkeiten zur Vermögensbildung und damit zur Erzielung von Kapitaleinkommen.
  • Kapitaleinkommen sind Besitz- oder Vermögenseinkommen wie Zinsen, entnommene Gewinne, Dividenden, Mieten, Pachten etc., die in Deutschland mit einer geradezu extremen Ungleichverteilung einhergehen. Derzeit haben wir die ungleichste Vermögensverteilung in der Geschichte der Bundesrepublik. * Das Aktienvermögen beispielsweise befindet sich nur zu 14% in den Händen der privaten Haushalte. Zweidrittel des Aktienvermögens befinden sich im Besitz von Unternehmen, Banken und Versicherungen. Das Immobilienvermögen und das Geldvermögen der privaten Haushalte gehören nahezu vollständig der reicheren Hälfte der privaten Haushalte. Das private Geldvermögen betrug 1998 5.700 Mlrd DM und erbrachte ein Vermögenseinkommen von 230 Mlrd. DM.
    • * Vgl. dazu neuerdings Wolfgang Belitz u.a. (HG.), Spurensuche Reichtum, Beiträge und Arbeitsmaterialien zur Situation in Deutschland, Witten 2000

  • Transfereinkommen sind Leistungen wie Kindergeld, Sozialhilfe, Wohngeld, Bafög etc., die bedarfsorientiert nach dem Sozialprinzip gezahlt werden und soziale Ungerechtigkeiten minimieren, Chancengerechtigkeit verbessern oder ein menschenwürdiges Existenzminimum garantieren sollen. Obwohl die Bedarfe auf diesen Feldern laufend steigen, ist diese Einkommensart nie systematisch weiterentwickelt worden. Sie ist zwar ein konstitutives Element im System der Sozialen Marktwirtschaft, hat aber nie eine umfassende gesellschaftlich Würdigung und Akzeptanz erhalten.

Die mittel- und langfristigen Tendenzen der gesellschaftlichen Einkommensentwicklung sind unverkennbar. Die harsche Kritik des ökonomistischen Liberalismus am Sozialstaat und dem in seinem Dienst stehenden Steuerstaat hat zu einem immer stärkeren Druck auf die Transfereinkommen und ihre Begründung geführt trotz der gegenläufigen sozialen Entwicklung und der Tatsache, dass in diesem Lande auf dem Felde der Transfereinkommen noch nie jemanden etwas geschenkt worden ist, von den Subventionen für die Wirtschaft einmal abgesehen.

Auf der anderen Seite wird öffentlich wenig darüber diskutiert, dass die Erwerbarbeitseinkommen der privaten Haushalte in den letzen Jahrzehnten im Verhältnis zu den Kapitaleinkommen an Bedeutung verloren haben. *
    * Zu diesen Zusammenhängen s .Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland, Entwicklungen, Ursachen und Maßnahmen Teil III S. 77 ff. Einkommens- und Vermögensunterschiede, Bonn 1997

"Von 1960 bis 1993 ging in Westdeutschland der Anteil der Nettolohn- und -gehaltssumme am verfügbaren Einkommen um knapp ein Fünftel von 55,8 vH auf 45,7 vH zurück. Dagegen stieg der Anteil der entnommenen Gewinne und Vermögenseinkommen um reichlich ein Viertel von 28,8 vH auf 31,4 vH…Am gesamtdeutschen verfügbaren Einkommen machte 1996 die Nettolohn- und -gehaltssumme sogar nur noch 43,1 vH aus, während die entnommenen Gewinne und Vermögenseinkommen bei 32,4 vH und die Transfers bei 24,5 vH lagen." *
    * ebendort S. 77

Dies Entwicklung bedeutet nun aber nicht, dass sich im durchschnittlichen Haushalt eine Schwerpunktverlagerung vom Erwerbsarbeitseinkommen zum Kapitaleinkommen vollzieht entsprechend der technologischen Entwicklung. Die Zuwächse des Kapitaleinkommen kommen in erster Linie den einkommensstarken Haushalten zugute. Die Einkommens- und Vermögensungleichheit verschärft sich fortlaufend. Die Einkommensquellen der einen sprudeln immer stärker, während die der anderen irgendwann zu versiegen drohen. Verschiebungen der Gewichte der Einkommen werden entscheidende Schritte sein auf dem Wege zu einem neuen Gesellschaftsvertrag.

3. ZWEI GESCHLECHTER

Politik und Wirtschaftseliten wollen seit geraumer Zeit mit neuer Entschlossenheit der Arbeitslosigkeit mit einem "Bündnis für Arbeit" entgegen treten. Alle an diesem Bündnis für Arbeit beteiligten Menschen sind Männer. Frauen kommen nicht vor, wenn es darum geht, in einer konzertierten politisch-gesellschaftlichen Gesamtaktion der Arbeitslosigkeit beizukommen. Es setzt immer wieder in Erstaunen, wie unverfroren, unbelehrbar, nahezu verstockt Männer in Angelegenheiten verfahren, die auch und vor allem Frauen betreffen. Schon von daher wird einem Bündnis für Arbeit kein Erfolg beschieden sein. Es soll in der Tradition des alten Gesellschaftsvertrags der Moderne von Männern für Männer geschlossen werden, wobei die Frauen natürlich auch mit gemeint sind.

Schon seit vielen Jahrzehnten haben sich Frauen weit über die Ideen zu einem Bündnis für Arbeit hinaus zu den Grundfragen eines neuen Gesellschaftsvertrags hinaus analytisch und perspektivisch geäußert und auch die Misere und die Belange von Frauen in der Arbeitswelt und deren Zukunft deutlich artikuliert. * In der Frage der Zukunft der Arbeit verlaufen die Grenzen in erster Linie nicht zwischen Frauen uns Männern, sondern zwischen den unterschiedlichen ökonomischen und politischen Weltanschauungen und deren Machtpotentialen.
    * Als aktuelle Beispiele seien nur zitiert: Ingrid Kurz-Scherf, Brigitte Herrmann, Minderheitenvotum im Bericht der Enquete-Kommission "Zukunft der Erwerbsarbeit" des Landtags Nordrhein-Westfalen 2000; Adelheid Biesecker, Zur Zukunft von Arbeit und Wirtschaft - lebensweltliche und ökologische Grundlagen in einer globalisierten Welt, Vortrag Iserlohn 1999; Mechthild Jansen; Zukunftsmodelle der Arbeit -Betrachtungen über den Status quo und die Perspektiven, Vortrag Berlin 1999


In der integrativen Genderethik ist auf den Begriff gebracht worden, dass es eine Sache ist, die Summe der Benachteiligung von Frauen in allen Bereichen des Wirtschaftslebens und der ihm zugeordneten Lebenswelten zu ziehen und die entsprechenden Forderungen aufzustellen und Förderungen zu beschließen, was landauf landab seit Jahren geschehen ist und geschieht. Eine noch etwas andere Sache ist die Erkenntnis, dass aus der Sicht der historischen und systematischen Ausgangslage im Gesellschaftsvertrag der Moderne das "gute Leben" für Frauen nicht vorgesehen ist.

Erst wenn das gesamtgesellschaftliche Reformprojekt eines Gesellschaftsvertrags der Zweiten Moderne ernst- und aufgenommen wird, gibt es eine neue Möglichkeit, das Genderverhältnis auf eine neu Grundlage zu stellen, und genau dies ist einer der wichtigen Gründe für ein Plädoyer für einen neuen Gesellschaftsvertrag.

4. EINE WELT

Alle Schritte auf dem Weg zu einem neuen Gesellschaftsvertrag müssen über einen Pfad führen, der die natürlichen Lebensgrundlagen und Lebenszusammenhänge nicht weiter zerstört. Letztlich müssten solche Schritte auf einem Weg zurückgelegt werden, der zu einem solaren Wirtschaftszeitalter führt. Im Augenblick sind wir erneut an einem äußerst kritischen Punkt angelangt. Der ökonomistische Libertinismus ist seit eh und je im Unterschied zum rheinischen Kapitalismus gänzlich mit ökologischer Blindheit geschlagen durch seine gnadenlose metaphysische Marktverfallenheit, seine share-holder value Dogmatik und seine apokalyptische Geldwirtschaft. Er hat jede Beziehung zum Leben verloren.

Der ökonomistische Liberalismus hat die "Ethik" des Kapitalismus jetzt wieder einmal auf die Spitze getrieben, für die gilt: Das tote Kapital hat Vorrang vor der lebendigen Arbeit. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der die toten Dinge einen höheren Wert besitzen als das Lebendige, die menschliche Arbeitskraft." (Erich Fromm). Was wir erleben geht weit darüber hinaus. Die Sachen herrschen über die Personen heißt letztlich, das Tote herrscht über das Lebendige, der Tod herrscht über das Leben. Die lange Herrschaft der Sachen über die Personen, die trotz aller aufgezeigten verheerenden Folgen, einen neuen Höhepunkt erreicht hat, hat das Denken verwüstet, die Herzen versteinert, die Seelen beschädigt und die Augen blind gemacht für die Fülle des Lebens und seine Empfindsamkeit.

Die Leistungen auf dem Gebiete des Umweltschutzes wissenschaftlich, politisch und vor allem zivilgesellschaftlich sollen nicht herabgewürdigt werden, aber geschieht hier entscheidend mehr als die Weiterentwicklung der Forderung nach qualitativem Wachstum zur Forderung nach Nachhaltigkeit. Das Festhalten am Begriff Umweltschutz mag ein Indiz sein für eine nach wie vor nicht genügend eindringliche Betrachtungsweise der Zerstörungen. Der Begriff bleibt an der Oberfläche und hält fest an der alten anthropozentrischen Vorstellung: der Mensch ist beherrschendes Zentrum und von ihm getrennt, ihm nachgeordnet, die Natur. Sie muss er schützen um seinetwillen, nicht aber um ihretwillen. So verhält sich auch der Sklavenhalter.

Das "oberflächliche Umweltdenken" sorgt sich um eine wirksame Kontrolle und ein besseres Management der natürlichen Umwelt zum Nutzen des Menschen. Bewahrung der Schöpfung ist nicht Umweltschutz, sondern die Rettung der "Heiligen Gabe des Lebens" vor ökonomistischer und zivilisatorischer Zerstörung. "Es gibt nur einen Weg für die Zukunft der Arbeit, für die Zukunft des Lebens selber, das ist die Rückkehr des Menschen und seiner Gattung zur vertrauten und verdrängten Haltung der "Ehrfurcht vor dem Leben". Sie ist die einzige Hoffnung für das Leben selber. Ehrfurcht vor dem Leben ist die Voraussetzung des lebensnotwendigen Übergangs von den Wegen des Todes auf den Weg des Lebens. Was ist das höchste Gebot, gegen das wir nur verstoßen können um den Preis des eigenen Untergangs?…"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." (Albert Schweitzer) * Eine bessere Präambel gibt es nicht für einen neuen Gesellschaftsvertrag, dessen Ziel eine neue Versöhnung von Arbeit und Leben, Männern und Frauen, Mensch und Natur ist.
    * Wolfgang Belitz, Mensch und Arbeit in Gottes Schöpfung und Reich, in: epd-Dokumentation 23/24 1982 S.19

Nach der Darstellung und Kommentierung des Ensembles für einen neuen Gesellschaftsvertrag folgt nun das Beispiel einer Rollenverteilung für eine neue Inszenierung. Es geht um eine neue Bewertung, Quantifizierung, Verteilung und Zuordnung, da die alten Gewichte und Beziehungen nicht mehr stimmen und zahlreiche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten implizieren. Ein neuer Gesellschaftsvertrag ist ein nachhaltiges andauerndes Reformprojekt, dessen Träger an die Verfassungen und die obige Präambel gebunden sind, deshalb spricht nichts dagegen, dass es nicht gesamtgesellschaftlich betrachtet werden kann. Verschiedene Pfade sind möglich, ein möglicher 4-3-2-1-Pfad wird hier als Denkanstoß konkretisiert.

Zur Operationalisierung dienen 5 Leitfragen:


  1. Welches Einkommen soll für welche Arbeit erzielt werden?

2. Welche Arbeit soll ohne Einkommen verrichtet werden?

3. Welches Einkommen soll ohne Arbeit erzielt werden?

4. Wie sind Frauen und Männer an Arbeit und Einkommen beteiligt?

5. Was verletzt die Ehrfurcht vor dem Leben?

 

1. Männer und Frauen arbeiten erwerbswirtschaftlich

Alle Menschen, Männer und Frauen, müssen, sollen, dürfen, wollen, können erwerbswirtschaftlich tätig sein im Reich der Notwendigkeit, weil das Reich der Notwendigkeit Teil des menschlichen Daseins ist. Erwerbsarbeit bleibt nach wie vor von großer Bedeutung für das menschliche Leben.

Durch Arbeitszeitverkürzung wird ein neues Normalarbeitszeitverhältnis für alle geschaffen: Der nächste sozialgeschichtliche Meilenstein ist der 6-Stunden-Tag in der 30 Stunden-Woche an 5 Tagen von Montag bis Freitag, wenn möglich in zwei Schichten von 8 bis 14 Uhr und von 12 bis 18 Uhr. Der Sonntag bleibt als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt. Überstunden werden abgeschafft.

Arbeitszeitflexibilisierung darf nicht nur der Logik des Kapitals folgen, sie muss auch der Zeitsouveränität der abhängig Beschäftigten dienen. 1999 arbeitete eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer im Durchschnitt 1.478 Stunden im Jahr, das sind 32 Stunden pro Woche. Eine 30-Stunden-Woche ergibt ein Jahreskontingent von 1.326 Stunden. Diese Kontingent kann im Jahres- oder Vieljahresrhytmus flexibilisiert werden.

Arbeitszeitverkürzung ist genuiner Bestandteil der Arbeitswelt der neuzeitlichen Industriegesellschaft. Die Verkürzung der Arbeitszeit gehört zu ihrer Eigenlogik. Dieser Prozess ist fortzusetzen. Um Neueinstellungen zu erleichtern und somit Erwerbstätigkeit für möglichst viele zu ermöglichen, kann die Verkürzung der Arbeitszeit mit entsprechender Minderung des Arbeitslohn einhergehen.

Wenn der gesellschaftliche Reichtum wächst, wäre es eine Obszönität wenn das Arbeitseinkommen sinken würde. Darum wird die betriebswirtschaftliche Lohnreduktion bei Arbeitszeitverkürzung volkswirtschaftlich kompensiert durch die Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Kapitaleinkommen aus gesamtwirtschaftlichem Produktivvermögen. Der Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am Produktivvermögen ihres Unternehmens wird nicht das Wort geredet, da dieses Uraltprojekt gesamtgesellschaftlich überholt ist.

Es wird eine "Bundesanstalt für Einkommen" eingeführt, an die ein Teil der Gewinne der Gesamtwirtschaft abgeführt wird. So werden auch die gewinnstarken kapitalintensiven Unternehmen an der Einkommensbildung beteiligt, die wenig oder gar keine Lohnkosten haben. Der Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerin erhalten eine Mixeinkommen aus Lohn- und Kapitaleinkommen, dessen Zusammensetzung sich im Laufe des Prozesses der Automatisierung und der Arbeitszeitverkürzung verlagert zugunsten des letzteren. Auf diesem Wege kommen Einkommen der Kleinen Leute in der menschenleeren Fabrik zustande, und die Leute können den Golf kaufen, den sie selber nicht mehr herstellen. Der Ungläubige sei daran erinnert, dass es weder 1870 noch 1890 noch 1910 noch 1920 eine Bundesanstalt für Arbeit gab. Aber 1927 wurde sie als Reichsanstalt für Arbeit errichtet. Es gibt in der Sozialgeschichte Institutionen, die es vorher nicht gab. Technische Innovationen bedingen soziale Innovationen, sonst bleiben sie unmenschlich und verfehlen den verfassungsmäßigen Auftrag des Wirtschaftens.

Der 6-Stunden-Tag ist eine strukturelle Voraussetzung für die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen. Alles andere ist Augenwischerei und geht zu Lasten der Frauen. Frauen und Männer in Erwerbsarbeit, die Kinder aufziehen, erhalten weitgehende Zeitsouveränität und bestimmen Lage und Dauer der Arbeitszeit selbst nach partnerschaftlicher Absprache. "Arbeitswelt und Betriebe müssen sich stärker auf die Bedürfnisse der Familien einstellen." (Sozialwort der Kirchen Z. 193)

2. Männer und Frauen arbeiten hauswirtschaftlich

Haus- und Familienarbeit wird von Männern und Frauen zu gleichen Teilen im eigenen Bereich ohne Bezahlung verrichtet. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird für Frauen und Männer, die das wollen, auf neue Füße gestellt. Das neue Normalarbeitsverhältnis und die gewährte Zeitsouveränität bieten dafür günstige Voraussetzungen. Das Konzept Lohn für Hausarbeit wird verworfen. Bei diesen Arbeitszeiten kann die Kinderbetreuung im Wechsel erfolgen.

Dennoch sind zwei grundlegende Veränderungen im Bildungsbereich einer modernen Industriegesellschaft unausweichlich: eine grundlegende Reform des Kindergartenwesens hin zu kreativen obligatorischen Vorschuleinrichtungen ohne Computer und Internet aber mit starken Anleihen bei Maria Montessori und Rudolf Steiner (Vorschule vom Netz). Und eine konsequente Umwandlung aller Schulen zu Ganztagsschulen. Deutschland ist das einzige Industrieland der Welt ohne Ganztagsschule.

Männer und Frauen, die drei und mehr Kinder aufziehen zahlen keine Steuern und erhalten Kindergeld in Höhe der tatsächlichen Kosten. Diese Maßnahme ist einkommensabhängig. Ein Staat, der kinderreiche Familien besteuert, ist von allen guten Geistern verlassen.

3. Männer und Frauen leisten Eigenarbeit als Entlastung und Entfaltung

Eigenarbeit von Männern und Frauen ist in alter Tradition ein ökonomischer Faktor zur Entlastung des Haushalts aufgrund der geldwerten Vorteile, die sie erbringt. Ganze Industriezweige stellen Hilfsmittel zu ihrer Förderung bereit. Bestimmte Formen der modernen Eigenarbeit beziehen sich weniger auf ökonomische Aspekte, als auf vernachlässigte kreative Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung. Im digitalen Zeitalter und in virtuellen Welten ist die praktische Erinnerung an alte handwerkliche Techniken und traditonelle Formen der Kultivierung der Natur sicher ein wesentlicherer Beitrag zur menschlichen Lebensgestaltung als der Umgang mit Gameboys. Das Erlernen des Umgangs mit alten Werkzeugen und guten natürlichen Materialien bewahrt mehr von der Tradition des Humanen als die Faszination des Digitalen an Neuem zu eröffnen vermag.

Die Kultivierung der Eigenarbeit ist ein wertvoller und möglicherweise lebenswichtiger Vorgang gegenüber der ausufernden Herrschaft des Banalen im deutschen Trash-TV. Es setzt immer wieder in Erstaunen, wie kritiklos und mit welcher Begeisterung dem Bildungssystem die PC-Welt aufgenötigt wird zur Bewältigung des zukünftigen Lebens junger Menschen, ohne dass es jemanden in den Sinn kommt, auf die Wichtigkeit der erwähnten Elemente der Eigenarbeit für den Bildungsprozess zu verweisen.

4. Bürgerinnenarbeit ist Arbeit für den Menschen

In Verbindung mit den oben erwähnten Elementen der Eigenarbeit scheint diese Form der Arbeit vor einer großen Zukunft zu stehen. Sie ist zivilgesellschaftliche Arbeit, die außerhalb staatlicher Zuständigkeiten und der profitorientierten Wirtschaft . Diese Ansiedlung jenseits von Markt und Staat, Profit und Verordnung hat ihrem Ort die Bezeichnung "Dritter Sektor" eingebracht. * Hierher gehört der gesamte Bereich der ehrenamtlichen Tätigkeit einschließlich der Arbeit in gemeinnützigen Vereinen und Verbänden möglicherweise auch in den Kirchen und ihrer Diakonie. Zu dieser Form der Arbeit und diesem Feld der Betätigung sollen hier nur zwei Anmerkungen angefügt werden.

    * vgl. auch den Beitrag von Jürgen Klute in dieser Veröffentlichung

Die Arbeit im Dritten Sektor soll immer wieder neu erfunden werden. Sie ist ein wichtiges Betätigungsfeld für Arbeitslose und Arbeitsuchende im wörtlichen aber auch im übertragenen Sinne. Sie unterscheidet sich von der Erwerbsarbeit u.a. dadurch, dass der Arbeiter und die Arbeiterin nicht auf die Arbeit vorbereitet werden oder gar für sie abgerichtet werden müssen, um den Effizienzkriterien zu entsprechen. Vielmehr kommen die Arbeitsplätze auf die Menschen zu, indem die Menschen wissen, was ihre Arbeit ist und wie sie sie zu tun haben, oder sie lernen behutsam zu probieren und herauszufinden, was ihre Arbeit sein könnte. Viele Menschen haben glanzvolle und menschenfreundliche Ideen für gesellschaftlich nützliche und persönlich bereichernde Arbeitsprojekte, sind aber um des Lebensunterhalts willen gefesselt an das starre System der Erwerbsarbeit. Bürgerinnenarbeit soll es allen, die es wollen, ermöglichen, aus dem Erwerbsarbeitsleben ganz oder temporär auszuscheiden und zu arbeiten oder zu erarbeiten, was sie immer schon tun wollten sei es als Facharbeiter, Architekten Ingenieure, Erzieherinnen, Krankenschwestern, Verkäuferinnen oder Rechtsanwältinnen. Es ist alles erlaubt, was der Beförderung des menschlichen und natürlichen Lebens dient.

Andere haben die Fähigkeit, anderen ihre Fähigkeiten zu vermitteln bzw. ihnen zu helfen herauszufinden, was ihre Arbeit sein könnte. Es gibt kommunale Qualitätszirkel, in denen insbesondere die sogenannten gering qualifizierten Menschen, für die im Erwerbsarbeitssystem immer weniger Platz vorhanden ist und damit immer weniger Arbeitsplätze vorhanden sind, herausfinden könnte, welche Arbeit zu ihnen passt, auf welche Arbeit sie gerne zugehen möchten.

Es ist kein zweiter Arbeitsmarkt, für den sich Bürokraten und hauptamtliche Leiter schmuddelökonomische Projekte ausdenken und in Programmen realisieren mit unsicherer Perspektive. Es ist gar kein Arbeitsmarkt, sondern ein Feld der Arbeitsfindung, eine Schule des Tätigseins ohne die Zwänge der Kapitalverwertung. Ganz starke und ganz schwache Männer und Frauen treten hier in Erscheinung.

Solche Arbeitssuche und Arbeitsfindung wird nicht entlohnt wie im Erwerbsarbeitssystem, sondern alimentiert, weil sie von großem gesellschaftlichen Nutzen ist. In vielen Fällen kann man auch sagen, sie wird prämiert. Für diese Arbeit im Dritten Sektor wird ein Transfereinkommen gezahlt, das im wesentlichen bedarfsorientiert ist und darüber hinaus eine Nützlichkeits- oder Schönheitsprämie vorsieht, einen Gebrauchswert- oder Ästhetikfaktor.

Der zivilgesellschaftliche Charakter solcher Arbeit wird dadurch unterstrichen, dass auch die Finanzmittel nach Möglichkeit zivilgesellschaftlich akquiriert werden sollen. Auf Landes- oder Bundesebene wird die "Stiftung res publica" eingerichtet, aus deren Mitteln die gesamte Bürgerinnenarbeit finanziert wird.

Es gibt zwei Möglichkeiten, ein sehr großes Stiftungsvermögen zu bilden. Auf freiwilliger Basis im Sinne einer gemeinwohlorientierten Aktion werden hohe Beträge aus allen Bereichen der Wirtschaft und allen reichen Privathaushalten gestiftet bis ein großes Stiftungsvermögen zusammengetragen ist. Hier können durchaus Anleihen ideeller Art an der kommunitaristischen Tradition der USA gemacht werden. Das ganze Arsenal der Eigenverantwortung und staatsfreien Selbsthilfe kann hier auf fruchtbarem Boden ausgebreitet werden. Allein eine Bürgerinitiative der hundert deutschen Milliardäre könnte mühelos ein Stiftungsvermögen von 50 Mrd. DM erbringen. Da nach Meinung vieler Kritiker in Deutschland ein zivilgesellschaftlicher Nachholbedarf zu verzeichnen ist, bietet sich hier ein weites Feld, von höchster stelle diese Lücke zu schließen.

Diese Verfahren wäre die sozusagen republikanisch-kommunitaristische Lösung.

Die Alternative ist die demokratisch-kontraktualistische Lösung, die womöglich kalkulierbarer und planbarer ist. Zur Bildung und Vermehrung des Stiftungsvermögens wird eine Vermögensabgabe auf mittlere und große Vermögen erhoben, die zweckgebunden werden kann und nach dem Wegfall der Vermögenssteuer ohnehin unerlässlich ist, wie sollte sonst die Sozialpflichtigkeit des Eigentums auch nur annähernd gewährleistet werden können.
Es herrschen in diesem Lande völlig falsche Vorstellungen über seinen Reichtum, weil öffentliche Statistiken darüber systematisch verhindert werden, und die kritische Rede darüber unter das Verdikt des Sozialneids fällt. Wer in Deutschland Millionär ist, ist nicht reich. Wer mehrfacher Millionär ist, ist nicht reich, sondern wohlhabend. Jenseits der vielen Millionen Vermögensmillionäre in unserem Land liegt die Reichtumsgrenze in Deutschland bei einem Vermögen von ca 13 Millionen DM. Davon ist die Rede, wenn von einer Vermögensabgabe für die Stiftung die Rede ist. *
    * vgl. Wolfgang Belitz u.a. (HG.), Spurensuche Reichtum, Beiträge und Materialien zur Situation in Deutschland, Witten 2000 passim

Zur Finanzierung der Arbeit im Dritten Sektor hat Jeremy Rifkin die Einführung einer Luxussteuer vorgeschlagen und die Einführung einer High-Tec-Steuer auf die digitalen Superprodukte, um nach dem Verursacherprinzip die Folgen des Verschwindens der Erwerbsarbeit bewältigen zu helfen.

5. Die Grundsicherung vom Kopf auf die Füße stellen

Männer und Frauen über 18 Jahre ohne Vermögen, Arbeit und Einkommen, die unter 1. und 4. kein Unterkommen für Auskommen gefunden haben aus welchen Gründen auch immer, erhalten eine bedarfsorientierte integrierte Grundsicherung als Transfereinkommen für sich und ihre Kinder. Die Höhe der Grundsicherung liegt deutlich über der Armutsgrenze, die in diesem Lande derzeit bei etwa 1.400 DM liegt.

Die Forderung nach einer Grundsicherung ist so alt wie die neue Armut in diesem Land und stößt in den einschlägigen Kreisen auf die leidenschaftlichsten Vorbehalte. Auf diesem Pfad zu einem neuen Gesellschaftsvertrag erhält sie ihre Rolle an dieser Stelle. Es ist nicht mehr zu erkennen, welche Vorbehalte ihr hier noch im Wege stehen sollten.

Neuer Gesellschaftsvertrag


  1. Erwerbsarbeit bleibt von großer Bedeutung für das Leben aller Menschen: Weitere Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich in Richtung 6-Std-Tag in der 30-Std-Woche an fünf Tagen von Montag bis Freitag oder das 1.300 Stunden-Jahr als neues Normalerwerbsarbeitsverhältnis für Männer und Frauen. Die Lohn/Gehaltsminderung wird ausgeglichen durch Zahlung von Kapitaleinkommen aus Produktivvermögen über die "Bundesanstalt für Einkommen".

 


  2. Haus- und Familienarbeit von Männern und Frauen im eigenen Bereich ohne Bezahlung. Familien (ab drei Kindern) zahlen keine Steuern.

 


  3. Eigenarbeit von Männern und Frauen erbringt einkommensmäßig betrachtet "geldwerte Vorteile" arbeitsmäßig betrachtet reproduktiven Sinn und kreative Zufriedenheit.

 


  4. BürgerInnenarbeit von Männern und Frauen im Dritten Sektor als selbstorganisierte Arbeit sozial- und altersgemischter Gruppen im kommunalen Nahbereich wird bezahlt mit Transfereinkommen der "Stiftung res publica". Das Stiftungsvermögen wird gebildet aus privaten Stiftungen oder einer Vermögensabgabe mittlerer und großer Vermögen. Die Reichtumsgrenze in Deutschland liegt bei einem Vermögen von 7,6 Millionen Euro.

 


  5. Männer und Frauen über 18 Jahre ohne Vermögen, Arbeit und Einkommen erhalten eine bedarfsorientierte Grundsicherung in Höhe der Hälfte des durchschnittlichen verfügbaren gewichteten Haushaltseinkommens pro Person derzeit (1998) 741 Euro.

 

Schlussbemerkung:

Der 4-3-2-1-Pfad zu einem neuen Gesellschaftsvertrag führt zu einer breiten und nachhaltigen Einkommenssicherung für die Bevölkerung durch die Einführung eines dynamischem Mixeinkommens. Er garantiert ein menschenwürdiges Grundeinkommen und zielt auf eine deutlichen Lastenausgleich für Familien. Die Sozialpflichtigkeit des Eigentums wird wieder in Kraft gesetzt. Die Bürgerinnenarbeit wird auf eine solide finanzielle Grundlage gestellt. Aus Sicht der Frauen werden die Verhältnisse gerechter. Alle Reformen bieten nichts spektakulär Neues, sondern knüpfen an bisherige sozialgeschichtliche Entwicklungen an. Die wirklich grundlegende Frage allerdings bleibt, ob nämlich der Kapitalismus irgendwann einmal in der Lage sein wird, sich den Spielregeln des Lebendigen auf diesem Planeten anzupassen oder ob er sie weiterhin in hybrider Weise ignorieren wird.

Noch ein wirklich nur kurzes Wort zur Finanzierung: Schwindende Arbeit und wachsender Reichtum sind die beiden Seiten der Medaille des digitalen Kapitalismus. Die Überfülle ist so groß, dass ausreichende Einkommen für alle möglich sind. Darum wurde die Verteilungsfrage hier neu gestellt und neu beantwortet, ohne den Weg unserer sozialen Reformgeschichte zu verlassen. Um die Plausibilitäten zu verstärken muss aber in Deutschland auch die Reichtumsfrage auf den Tisch, weil die Bevölkerung hier zu Lande sich in eine Kostenfalle hat treiben lassen und in tiefer Bewusstlosigkeit bezüglich des materiellen Reichtums der Gesellschaft verharrt. Es muss eine öffentliche Aufklärung darüber stattfinden, wie reich diese Gesellschaft ist, wie der Reichtum verteilt ist und dass seine Sozialpflichtigkeit auf dem Wege zu einem neuen Gesellschaftsvertrag neu zu organisieren ist. Im nächsten Jahr wird es den ersten Reichtumsbericht in der Geschichte Deutschlands geben. Die Erwartungen an ihn können nicht allzu groß sein, da das, worüber berichtet werden soll, in Deutschland statistisch gar nicht oder nur völlig unzureichend erfasst ist. Es kann also im wesentlichen berichtet werden, dass nicht berichtet werden kann.

Dennoch nur ein spektakuläres Beispiel: Die Bundesbank erfasst jährlich das Geldvermögen der privaten Haushalte in einer wahrlich imponierenden Statistik:, es ist von 494 Mrd. DM im Jahre 1970 auf 5.700 Mrd. DM im Jahre 1998 angewachsen, im letzten Jahr allein um 339 Mrd. DM. Dieses Vermögen hat sich allein seit 1990 verdoppelt, und in einer einzigen Generation von 1970 bis heute hat es sich verzehnfacht. Über die Verteilung ist nur bekannt, dass sie immer ungleicher wird und eine alte Zahle besagt, dass 10% der privaten Haushalte über 50% dieses Vermögens verfügt und die reichere Hälfte der Haushalte über das gesamte Vermögen, während die andere Hälfte der privaten Haushalte praktisch vermögenslos ist.

Die Statistik lehrt auch, dass demgegenüber die Gesamtkosten der Sozialhilfe, die für die Kritiker die Grenzen des Sozialstaats sprengen, mit 45 Mlrd DM weniger als 0,8% des Geldvermögens der privaten Haushalte. Im Blick auf den gesellschaftliche Reichtum ist damit eine Größenordnung im Spiel, die nach neudeutschem Sprachgebrauch nicht einmal als peanuts bezeichnet werden kann.

Nach Schätzungen sind 70% des letztjährigen Zuwachses des Geldvermögens der privaten Haushalte non 339 Mrd. DM Zinserträge, das wären allein 237 Mrd. DM. Also würden rein rechnerisch 19% der Zinserträge des Geldvermögens der privaten Haushalte ausreichen, um die Kosten der gesamten Sozialhilfe abzudecken. Es handelt sich hierbei lediglich um ein Rechenbeispiel, dem entnommen werden kann, wie schmerzlos es in diesem Lande zugehen würde, wenn menschenfreundliche Arbeit für alle in verschiedenen Formen mit unterschiedlichen Typen von Einkommen gefördert oder entwickelt werden würde als neue Form des alten sozialen Lastenausgleichs, um einen Gesellschaftsvertrag anzustreben, der den Erfordernissen einer minimalen sozialen Gerechtigkeit unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters entspricht.

"Man muss neue Wege beschreiten, um soziale Gerechtigkeit zu erreichen". Das wird nicht teuer, nur anders.