3. Die Arbeitsgesellschaft ist faktisch tot: Eine utopische Erneuerung


Seit einigen Jahren ist jetzt aber auch zu beobachten, dass sich das sozial-ethische Projekt "Zukunft der Arbeit" nach 15 Jahren neoliberaler Konterrevolution unter Einschluss der Vereinigungserfahrung in unterschiedlichen politischen Lagern und bei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zurückmeldet.

Das Angebot einer universalen gesellschaftlichen Reformdiskussion wird erneuert. Die Eliten in Wirtschaft und Politik sind erneut gefragt. Die aktualisierten Diagnosen sind die alten unter verschärften Bedingungen:

Bezeichnend ist, dass es seit etwa Mitte der neunziger Jahre nach bald 20 Jahren wieder so etwas wie einen Boom einschlägiger Veröffentlichung zum Thema "Zukunft der Arbeit" gibt:
  • An der Spitze der Club of Rome: Wie wir arbeiten werden (1997)
  • Aus den USA: Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft (1995) oder Robert Reich: Die neue Weltwirtschaft (1996)
  • Aus dem konservativen Lager: Die Berichte der "Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen" (1996/97)
  • Aus dem traditionell sozialreformerischen Lager: Der Bericht der Zukunftskommission der Friedrich- Ebert-Stiftung (1998)
  • Aus dem kirchlichen Lager: "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit". Wort des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. (1997)
  • Aus dem grünen Lager: Tagungen der Heinrich-Böll-Stiftung "Wirtschaft im Umbruch - Zukunft der Arbeit" 28./29. 11. 1997 in Jena und "Zukunft der Arbeit" 20./21. 11. 1998 in Leipzig
  • Und trotz der Mitwirkung in der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission mit eigener sozialwissenschaftlicher Position: Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt am Main 1999
  • Immer noch und schon wieder dabei: André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main 2000 *
  • Ein Novum kommt aus dem Bereich der parlamentarisch-politischen Arbeit. Der Bericht der Enquete-Kommission "Zukunft der Erwerbsarbeit" des Landtags Nordrhein-Westfalen 2000

    * Zu neueren Veröffentlichungen vgl. auch Gerd Mutz; Strukturen einer neuen Arbeitsgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B9/99, 26. Februar 1999

Der aktuellen Diskussion bleibt nichts anderes übrig, als an die utopische Erinnerung anzuknüpfen, denn keine deren Fragen ist inzwischen ernsthaft aufgegriffen, bearbeitet oder beantwortet worden. Gleichwohl versuchen nur wenige Veröffentlichungen, den Weg der damaligen Überlegungen und Reformforderungen wieder einzuschlagen. Andere schlagen angesichts der flächendeckenden Erfolglosigkeit der ökonomistischen Politik auf dem Arbeitsmarkt finale und radikale Lösungen zu Lasten der kleinen Leute vor. So tut sich etwa der Club of Rome hervor mit einem Konzept der Zwangsarbeit für Arbeitslose gegen einen Hungerlohn. Die bayerisch-sächsische Zukunftskommission möchte eher missmutig hauptamtliche Bürgerarbeit mit dem Sozialhilfesatz honorieren. Beide Vorschläge folgen dem in Mode gekommenen Motto: Kein Geld ohne Arbeit.

Inzwischen entlässt die dritte industrielle Revolution ihre Kinder: Die Arbeitslosigkeit hat endemische Ausmaße angenommen und inzwischen haben sich alle parlamentarisch-politischen Kräfte des Landes an Maßnahmen zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit erprobt. Keiner weiß es mehr besser.

Die dritte industrielle Revolution entlässt ihre Kinder wohldosiert: Wenn die heute verfügbare Technik in den Betrieben und Büros zum Einsatz käme, so haben Herbert A. Henzler (Mc Kinsey) und Lothar Späth in ihrem 1993 erschienenen Buch "Sind die Deutschen noch zu retten?" errechnet, würden allein in Westdeutschland etwa 9 Millionen noch bestehende Arbeitsplätze wegfallen und die Arbeitslosigkeit stiege auf Rund 38%.

Mittlerweile ist sogar Meinhard Miegel, der Chefdenker der Konservativen, der inzwischen auch auf Parteiprogrammtagen der Sozialdemokraten als Referent auftritt, zu der Erkenntnis gelangt, die die Reformdebatte der späten 70er und frühen 80er Jahre bestimmt hat:

"Die Möglichkeiten der modernen Technik, Maschinen im weitesten Sinne für den Lebensunterhalt sorgen zu lassen, haben in den zurückliegenden Jahrzehnten explosionsartig zugenommen. Das meiste, was standardisierbar ist, können Maschinen heute meist besser und billiger erledigen als arbeitende Menschen. Durch Maschinen können Ideen, Wissen und Können fast beliebig vervielfältigt werden.

In die gleiche Richtung wirken immer ausgefeiltere Managementmethoden und Strategien des Kapitaleinsatzes. Die Folge: Noch nie waren so viele Menschen für den Wertschöpfungsprozess so entbehrlich wie heute, noch nie konnten so viele durch Wissen und Kapital ersetzt werden. Dabei nutzt die Wirtschaft erst einen Bruchteil der bestehenden Möglichkeiten. Brächte sie diese konsequent zur Anwendung, könnte nach Expertenmeinung ein weitere Drittel der derzeit Erwerbstätigen in den frühindustrialisierten Ländern zu Hause bleiben." *
    * Meinhard Miegel, Arbeit ohne Zukunft, in: managermagazin 3/1997

In der damaligen Diskussion wurde dieser Argumentationsweise stets die klassische Fourastier-These entgegengehalten. Die Automatisierungs- und Rationalisierungsprozesse verlaufen in erster Linie im Produktionsbereich und betreffen vor allem Fabriken. Die Arbeitsplätze, die hier im Laufe der Zeit verloren gehen, entstehen neu im Bereich von Verwaltungen, im Handel und Verkehr, bei Banken und Versicherungen, in Freizeit- Urlaubs- Kultur- und Vergnügungseinrichtungen, so dass eine quantitative Kompensation erfolgt. Die Gesellschaft der Zukunft wurde in der damaligen Zeit als Dienstleistungsgesellschaft bezeichnet. So wie im vorletzten Jahrhundert aus der Agrargesellschaft die Industriegesellschaft hervorging, so werde sich im letzten Jahrhundert aus der Industriegesellschaft die Dienstleistungsgesellschaft entwickeln. Statistische Belege aus dem In- und Ausland wurden ist Feld geführt. Dass Deutschland im internationalen Vergleich hier noch deutlich hinter anderen Volkswirtschaften zurückbleibt (z.B. USA) liegt an der mangelnden Flexibilität der Anbieter und vor allem der Mentalität der Verbraucher auf diesem Gebiet. Noch sei das Land im Vergleich mit anderen eine "Dienstleistungswüste" mit unterentwickeltem Servicebewußtsein. Immerhin wurde inzwischen flächendeckend zum Brötchenverkauf am Sonntagvormittag geschritten.

Indes der Traum von der Überwindung der negativen Automationsfolgen durch die Entstehung einer blühenden Dienstleistungsgesellschaft als grundsätzliche Lösungsperspektive ist mittlerweile ausgeträumt für den, der die Radikalität und Universalität der digitalen Techniken ernst nimmt, deren Möglichkeiten wie gesagt im Bereich der Produktion und der Dienstleistung liegen.

Eine Studie der Universität Würzburg * hat ergeben, dass im Laufe der nächsten 10 Jahre nach 1997 die Zahl der Beschäftigen in nahezu allen Dienstleistungsbereichen stark rückläufig sein wird. Der Dienstleistungsbereich wird im genannte Zeitraum um ca 7 Millionen Arbeitsplätze schrumpfen. Die Studie beziffert die Einsparpotentiale im Dienstleistungsbereich durch die Integration von Organisation und Informationsverarbeitung wie folgt:

    * Rainer Thome (HG) Arbeit ohne Zukunft? Organisatorische Konsequenz der wirtschaftlichen Informationsverarbeitung, München 1997

Transport/Logistik................................................ 74 %
Banken.............................................................. 61 %
Versicherungen................................................... 59 %
Büroberufe......................................................... 55 %
Handel.............................................................. 51 %
Vermietung........................................................ 50 %
Öffentliche Verwaltung......................................... 46 %
Gesundheitswesen............................................... 35 %
Beratung/Überprüfung.......................................... 35 %
Planung............................................................. 33 %
Bildungswesen.................................................... 27 %
Werbung........................................................... 19 %
Reinigung.......................................................... 17 %
Sonstige........................................................... 19 %


Auffällig an dieser für herkömmliches Denken katastrophalen Entwicklung ist die Tatsache, dass von der Schrumpfung sowohl einfache Dienstleistungen (Reinigung) als auch hocheingeschätzte Zukunftsdienstleistungen wie Beratung, Planung und Bildung betroffen sind, deren Agenten noch von Robert Reich unter der Bezeichnung "Symbolanalytiker" zu den tragenden Säulen in der Arbeitswelt der zukünftigen Gesellschaft erklärt werden. *
    * Robert Reich, Die neue Weltwirtschaft, Frankfurt 1996

Die Diskussion um die Dienstleistungsgesellschaft lässt unter ihren Propheten und Apologeten seit jüngstem zwei Lager erkennen.

Auf der einen Seite finden sich die Anwälte der kleinen Leute, die sich der sogenannten personenbezogenen Dienstleistungen annehmen, die vor einer großen Zukunft stehen sollen. Gemeint sind mit dieser Bezeichnung in vielen Fällen offenbar einfache Tätigkeiten von gering qualifizierten Männern und Frauen, die gegenwärtig von Arbeitslosigkeit besonders betroffen, die dem Wohle anderer Menschen dienen, die sich solche Dienste leisten können: Dienstmädchen, Laufbursche, Schuhputzer oder vielleicht auch modernere Varianten. Erstaunliche Facetten einer (post)modernen (personenbezogenen) Dienstleistungsgesellschaft finden sich beispielsweise im Bericht der Enquete-Kommission "Zukunft der Erwerbsarbeit" des Landtags Nordrhein-Westfalen:
  • Rund ums Auto: An- und Abmeldung durch die Autohandlung; Abholen, Reparatur und Zurückbringen durch die Autowerkstatt:
  • Fahrradreparaturservice kommt ins Haus;
  • Rund ums Haus: Tätigkeiten vom Rasen mähen bis zu kleineren Reparaturen
  • Im Handel in allen Bereichen, insbesondere durch mehr Service (z.B. Zustelldienste, Einkaufshelferinnen und -helfer);
  • In der Gastronomie, wo mehr Service, mehr Bedienungen, Platzanweiserinnen und -anweiser möglich sind;
  • In der Freizeitwirtschaft, wo mehr Servicepersonal (z.B. in Sonnenstudios, Erlebnisbädern, Freizeitparks, Kinos) gesucht wird
  • Bei Sozial- und Pflegediensten, wo Hilfstätigkeiten für Kranken- und Altenpflege; Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen möglich sind;
  • Bei Verkehrs- und Sicherheitsdiensten, wo mehr Kontroll-, Service- und Wachpersonal im öffentlichen Personennahverkehr, in Parkhäusern und in privaten und öffentlichen Räumen gesucht wird;

Es liegt auf der Hand, dass sich viele Menschen eine andere Vorstellung von einer postindustriellen oder postmodernen Dienstleistungsgesellschaft gemacht haben. Die Gesellschaft von morgen kommt eher ihrer Refeudalisierung nahe als dem, was der gesunde Menschenverstand sich unter Modernisierung vorzustellen in der Lage ist.

Auf der anderen Seite melden sich die Propheten des Kommunikationszeitalters zu Worte, die nun nicht mehr von Dienstleistungsgesellschaft sprechen, sondern von der Informations- und Kommunikationsgesellschaft oder sogar der "unternehmerischen Wissensgesellschaft". Die Welt der neuen Medien und Technologien schafft auch eine neue Arbeitswelt. Die Entwicklung der Medien-, Kommunikations- und Informationswirtschaft bringt im Bereich der Herstellung und genuinen Anwendung zahlreiche neue Arbeitsplätze hervor. Hier entsteht der Zukunftsmarkt, der es z.B. unausweichlich macht, einen Computer mit Internetanschluss auf jede Schulbank zu stellen.

Fünf Institute der Wirtschafts- und Sozialforschung haben nach mehrjährigen Untersuchungen im letzten Jahr einen Abschlußbericht veröffentlicht "Dienstleistungen als Chance: Entwicklungspfade für die Beschäftigung"*, der die entsprechenden Hoffnungen entschieden dämpft. Falsch ist "die These von der Job-Maschine neue Medien mit explodierenden Märkten, die quasi von selbst Beschäftigung schaffen." In Wirklichkeit verläuft die Entwicklung sehr uneinheitlich. Bei den Herstellern von Elektronik und Informationstechnik ist die Zahl der Beschäftigten trotz hoher Zuwachsraten bei den Umsätzen rückläufig, bei den Betreibern von Telekommunikationsnetzen verläuft der Weg ganz unterschiedlich. Fazit: "Die neuen Jobs kommen nicht von alleine, sondern sie kommen (... ) nur im Zusammenspiel von technologischen Innovationen, Deregulierungen, Reformen und Fördermaßnahmen."

    * Jutta Roitsch, Neue Medien sind keine Job-Maschine, Frankfurter Rundschau v. 24. Juni 1999


Auch die weltweite Internet-Euphorie scheint bei genauerem Hinsehen wenig begründet, auch wenn sie Repräsentanten auf höchster Ebene hat wie den US-Präsidenten: "Ich bin sicher, dass Computer und Internet uns die Möglichkeit geben, mehr Menschen denn je schnell aus der Armut zu führen."

Der US-Ökonom Robert Gordon widerspricht seinem Präsidenten ganz entschieden:
  • Das Internet bietet nichts Neues. Es ergänzt oder ersetzt lediglich Vorhandenes wie Fernsehen oder Bibliotheken.
  • Das Internet verschafft Anbietern keine neuen Umsätze, sondern verteilt vorhandene anders.
  • Der E-Commerce bringt mehr die Kosten, aber keine neuen Marktanteile.

In der Geschichte der großen technischen Errungenschaften kommt dem Internet keine sonderliche Bedeutung zu. Ein Wasser- und Abwasseranschluss im Hause ist von vergleichsweise größerer gattungsgeschichtlicher Bedeutung als ein Internetanschluss. In einer Welt, in der 80% der Menschheit noch nie telefoniert haben, hängt das Wohl der Menschheit nicht vom Internet ab.

Es hat den Anschein, als sei mit dem Internet ein neuer Mythos in die Welt gekommen, der von einer Göttermaschine erzählt, die alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt und der sich die Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft auf Gedeih und Verderb unterzuordnen haben. Nur wer sich anpasst, wird überleben, nur wer sich der Göttermaschine von Kindesbeinen unterwirft, erhält sich die Chance zum wahren Leben. Nun endlich steht ein Lebenselixier zur Verfügung für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft. Das Medium für eine junge Web- und Softwaregeneration, die die Sterne vom Himmel holt, wenn sie früh genug ins Internet und ans Internet geht. Nüchternheit und Entmythologisierung sind hier angesagt.

Dementsprechend gibt es in der neu aufgekommenen Diskussion um die Zukunft der Arbeit sogar Publikationen, in denen man lesen kann, dass langfristig 20% des Erwerbspotentials ausreichen werden, um den gesellschaftlichen Reichtum an Gütern und Dienstleistungen für alle zu mehren.* Die wahre Königin der digitalen Revolution ist und bleibt die Produktivität.

    * Martin, Hans-Peter; Schumann, Harald: Die Globalisierungsfalle, Reinbek 1996


Die Zeitzeugen sind sich auch in der neuen Debatte um die Zukunft der Arbeit einig:

"Arbeitslosigkeit entsteht aus der Tatsache, daß die Produktivität schneller wächst als die Produktion" (Claus Offe, 1995)

"Das Ansteigen der Produktivität durch arbeits- und kapitalsparende Innovation wird weiterhin viel größer sein, als das mögliche Wirtschaftswachstum" (André Gorz, 1994).

Fulminant wie immer Ulrich Beck (1996): "Der Kapitalismus schafft die Arbeit ab"... "Das Volumen der Erwerbsarbeit schwindet rapide. Wir laufen auf einen Kapitalismus ohne Arbeit zu - und zwar in allen industriellen Ländern der Welt". Man könnte noch genauer analysieren und formulieren: Der Kapitalismus schafft die Arbeit ab für die Armen und die Abgaben und Steuern für die Reichen. Eine wundervolle und gerechte Wirtschaftsordnung!

Der katholische Soziallehrer Friedhelm Hengsbach hat im SPIEGEL(10/1997) die Neuauflage des sozialethischen Projekts "Zukunft der Arbeit" der Gegenwart noch einmal nahe gelegt:

"Das Bruttosozialprodukt in der Bundesrepublik hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, die Arbeitszeit pro Beschäftigtem ist um ein Fünftel zurückgegangen. Der Produktivitätsfortschritt ist so rasant, daß der Trend, mit weniger Arbeitskräften dasselbe oder ein besseres Produktionsergebnis zu erzielen, nicht zu stoppen ist. Vollbeschäftigung wie in den 60er Jahren wird es nicht mehr geben. Da muß ganz neu gedacht werden. ... Ich denke, daß die Industriegesellschaft an einer Wegmarke steht, wie vor 150 Jahren die Agrarwirtschaft. Damals waren 80% der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig, heute sind es 2 - 4 Prozent. Vielleicht schaffen es in 50 Jahren 10% der Beschäftigten, die Gesellschaft mit allen Industrieprodukten zu versorgen. Und was machen die anderen? Die Frage ist, wie kann das Produktionsergebnis, also der gesellschaftliche Reichtum so verteilt werden, daß diejenigen, die wegrationalisiert werden, nicht automatisch in die Armut gestoßen werden".

Dazu gibt es neuerdings auch eine Stimme von der anderen Seite des Atlantiks in Jeremy Rifkins Buch: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft: "In Zukunft werden die Menschen immer weniger Zeit am Arbeitsplatz verbringen und immer mehr freie Zeit verfügen. Ob diese "Freizeit eine durch unfreiwillige Teilzeitarbeit, Entlassung oder Arbeitslosigkeit erzwungene sein wird, oder ob sie aus der Verteilung der Produktivitätszuwächse resultiert, und mit kürzerer Wochenarbeitszeit und höherem Einkommen hergehen wird, das ist eine noch ungelöste politische Frage".

Ehe diese Frage aufgegriffen werden soll, ist noch einmal ein Fazit nötig, auf das sich nicht viele Zeitgenossen einlassen mögen. Jetzt heißt es nicht mehr. Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus, nunmehr kann mit André Gorz gesagt werden: "Die Arbeitsgesellschaft ist faktisch tot." Aber das Bewusstsein und die gesellschaftlichen Institutionen der Arbeit und der sozialen Sicherung sollen immer noch so funktionieren, als sei sie noch lebendig und könne revitalisiert werden durch einige Opfer der Massen und weitere Privilegierung der Eliten. Die schmerzlichen Benachteiligungen und die einseitigen Privilegierungen, die jetzt unter der irreführenden Bezeichnung Reformen auf den Weg gebracht werden, verstellen den Blick für die Tatsache, dass eine Epoche moderner Sozialgeschichte an ihr Ende gelangt ist: Der Gesellschaftsvertrag der Moderne ist zerbrochen, dessen Kernbestandteil Vollbeschäftigung war, die es nicht mehr gibt und nie wieder geben wird. Vollbeschäftigung war die Voraussetzung dafür, dass alle Menschen in mehr oder weniger gerechter Weise an der Herstellung und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums beteiligt sein konnten mit der demokratischen Möglichkeit, bestehende oder eintretende Ungerechtigkeiten auf reformerischem Weg zu minimieren.

Die zweite Vorstellung des sozialethischen Projektes "Zukunft der Arbeit" steht jetzt unter einem neuen Vorzeichen: Jenseits der Vollbeschäftigung, jenseits der Arbeitsgesellschaft ist ein neuer Gesellschaftsvertrag zu konstruieren und im Konsens herbeizuführen. Im Kern muss er eine neue Versöhnung von Arbeit und Leben für Frauen und Männer, angepasst an die Lebensweise der Natur ermöglichen. Die Grundlagen der Gesellschaft sind zu erneuern. Es geht sozusagen um eine Jahrhundertreform, nicht aber fernerhin um das Kurieren an Symptomen.

Die Zeitzeugen benennen die Dimensionen: Offe spricht von einer gesellschaftlichen Innovation. Beck, Rifkin und Hengsbach sprechen von einem neuen Gesellschaftsvertrag, den Gorz seinerseits als ein politisches und kulturelles Gesamtprojekt bezeichnet.

Im Zentrum stehen Lösungsvorschläge für eine neue Verteilung von Arbeit und Einkommen und ihre Verhältnisbestimmung.

"Die Umverteilung des gesamten Arbeitsvolumen und die des gesamten erwirtschafteten Reichtums auf alle Menschen müssen untrennbar miteinander verbunden bleiben" (Gorz).

1. Gorz und anderen schwebt zur Neuordnung der Verteilung ein duales System vor. Zunächst sind deutliche Arbeitszeitverkürzungen verstärkt von Bedeutung, wenn die bedeutenden Produktivitätssteigerungen zum Wohle aller, auch der Arbeitenden und Arbeitslosen realisiert werden sollen nach Maßgabe sozialer Gerechtigkeit. Damit es aber auch zu Neueinstellungen kommt sind betriebswirtschaftlich Lohnrückgänge in Kauf zu nehmen. Weil aber der volkswirtschaftliche Reichtum wächst, gibt es einen zweiten Schritt zur Verteilung durch "ein lohnergänzendes Sozialeinkommen im unteren Bereich" (Hengsbach) aus "einer neuartigen Sozialkasse" (Gorz).

"Die Arbeitnehmer beziehen dann zwei Einkommen: den gemäß Tarifvertrag und Betriebsabkommen festgesetzten Lohn, der mit der Arbeitszeit auch abnehmen kann; und ein Sozialeinkommen, einen zweiten Scheck, der mit der Zeit zu einem wichtiger werdenden Anteil des Gesamteinkommens anwächst. Diese Lösung gewinnt jetzt ziemlich rasch an Boden, denn langfristig gibt es ohnehin keinen anderen Weg." (Gorz)

Diese Lösung hat den Vorzug, dass an bestehende Realitäten angeknüpft wird, weil Familieneinkommen bereits heute in der Regel Mixeinkommen aus Erwerbs- und Transfereinkommen sind (z.B. Kindergeld). Diese Lösung kann als klassisch bezeichnet werden, weil sie dem Zentralinstitut Erwerbsarbeit für alle sehr verbunden bleibt und die neue Verteilung lediglich eine Schwerpunktverlagerung klassischer Distributionswege erforderlich macht.

Die aktuellen Vorschläge unter dem Stichwort Kombilohn gehören nicht in diesen Zusammenhang. Das Kombilohnmodell gehört in die Kategorie Verteilung des Mangels. Das duale System des Mixeinkommens hingegen gehört in die Kategorie Verteilung des Reichtums bei abnehmender Erwerbsarbeit.

2. Andere Autoren (Offe, Rifkin, Beck) schlagen eher zivilgesellschaftliche Regelungen für einen neuen Gesellschaftsvertrag vor. Ein "Dritter Sektor" (Rifkin) neben Markt und Staat, non-profit orientiert, wird zum Feld selbstgewählter bürgerlicher Betätigung.

Dieser Sektor von Offe als "postindustrieller Haushaltssektor" vorgestellt, steht für ihn unter dem Vorbehalt der Freiwilligkeit. Dafür steht ein Sabbatkonto von 10 Jahren zur Verfügung. Es muss bei knapper werdender Erwerbsarbeit möglich werden, freiwillig auf die Teilnahme am Arbeitsmarkt zu verzichten. Ich kann freiwillig eine arbeitsmarktexterne Lebens- und Tätigkeitsform wählen. Genannt werden: Hausarbeit, Ehrenamttätigkeit in gemeinnützigen Vereinen und Gesellschaften, Genossenschaften, freiwillige Dienste, nützliche Eigenarbeit. Wer den Nachweis solcher zivilgesellschaftlichen Tätigkeit erbringt, erhält ein rechtlich gesichertes Einkommen aus öffentlichen Mitteln, das sogenannte Grundeinkommen, Grundsicherung oder Bürgergeld.

Diesen Weg des freiwilligen Erwerbsarbeitsverzichts entlastet den Arbeitsmarkt, forciert zivilgesellschaftliche Innovationen und stellt die Grundsicherungsdiskussion vom Kopf auf die Füße.

Rifkin möchte den markt- und staatsfreien "Dritten Sektor" bürgerlicher Betätigung dadurch fördern und entwickeln, dass sich hier Menschen betätigen, die nur Teileinkommen in Erwerbsarbeit erzielen, denen dann zum Lohn die Steuern entlassen werden. Vollzeitarbeit im Dritten Sektor kann seiner Meinung nach finanziert werden durch eine Wertschöpfungssteuer der Cyberindustrien oder durch eine Sondersteuer auf ihre speziellen Produkte.

In ähnlicher Weise konkretisiert Beck seinen Begriff der "Öffentlichen Arbeit" und favorisiert vor allem ökologische, emanzipatorische, partizipatorische Projekte und Tätigkeitsfelder. So soll die Erwerbsgesellschaft jenseits der Vollbeschäftigung um eine selbstorganisierte Zivilgesellschaft ergänzt werden. Neben die arbeitsmarktrelevanten Aspekte tritt hier die gesellschaftspolitische Perspektive, nach der es wünschenswert ist, dass Arbeit nicht nur als Erwerbsarbeit begriffen wird, sondern anderen Formen der menschlichen Betätigung ein gleicher Rang und gleiches Ansehen eingeräumt werden.

Wenn das amerikanische Modell auf eine Kombination von Vollbeschäftigung und working poor hinausläuft, dann könnte das deutsche (europäische Modell) eine Kombination von Erwerbsarbeit und grundfinanzierter Mitwirkung in der zivilen Gesellschaft zum Ziel haben. Diejenigen, die sich in Selbstorganisationen engagieren, stehen ja nicht mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung und sind in diesem Sinne keine Arbeitslosen. Sie sind aktive Bürger, die sich für das Allgemeinwohl engagieren und dafür eine (zeitlich begrenzte) "Grundsicherung" erhalten." (Beck)

Die Einbettung der Beckschen Gedanken in den Bericht der Zukunftskommission der Freistaaten macht allerdings inzwischen etwas ratlos.

3. Nicht unerwähnt bleiben soll die Position, die besagt, dass in der menschenleeren Fabrik die Einkommen langfristig von Lohn/Gehaltseinkommen zu Kapitaleinkommen umgebaut werden müssen. Wassily Leontiefs Überlegungen in diese Richtung sind im Zusammenhang der früheren Diskussion bereits zitiert worden.* In ähnlicher Weise können auch Gedanken von Meinhard Miegel aufgenommen werden:

    * siehe oben


"Ganz offenkundig wurde versäumt, breiten Schichten der Bevölkerung nicht nur über Erwerbsarbeit und Transfers, sondern auch über Wissen und Kapital Zugang zum Volkseinkommen zu verschaffen. Dieses Versäumnis wiegt umso schwerer, als durch Jahrzehnte hindurch kräftig am Ast der Erwerbsarbeit gesägt worden ist und zugleich Wissen und Kapital im Wertschöpfungsprozess aufgewertet wurden.

Was hätte da näher gelegen, als mit der Rückführung der Erwerbsarbeit möglichst vielen Menschen den Verteilungsschlüssel Wissen und Kapital in die Hand zu geben? Die Bevölkerungen der fühindustriealisierten Länder hätten sich im produktivsten Sinne dieses Begriffs zu arbeitenden Rentiersgesellschaften entwickeln können und müssen - zu Rentiers ihres Wissens."


Bei all diesen Ansätzen und Reformpfaden, die den Namen verdienen, zeigt sich, dass es mit einem Vorschlag nicht getan ist. Vor allem eine wie derzeit in Deutschland isoliert vorgetragene Forderung nach Beteiligung der abhängig Beschäftigten am Produktivvermögen erweist sich als ein gut gemeintes Relikt einer verflossenen aber nie ernsthaft aufgegriffenen sozialgeschichtlichen Tradition. Modern werden diese und andere Forderungen, wenn sie eingehen in die Gesamtkonzeption einer postindustriellen Gesellschaft der Vollbeschäftigung nach der Vollbeschäftigung, einer Arbeitsgesellschaft nach dem Tode der Arbeitsgesellschaft, die wir gekannt haben.