2. Die Arbeitsgesellschaft wehrt sich. Eine utopische Erinnerung


In der Gestimmtheit der frühen siebziger Jahre gab es hierzulande eine immer breiter werdende gesellschaftliche, politische, sozialethische Diskussion unter der Überschrift "Qualität des Lebens" und in diesem Zusammenhang dann eben auch Bemühungen um die Qualität des Arbeitslebens unter der populären Formel "Humanisierung der Arbeit". Diese knappe Reformepoche wurde abrupt beendet mit dem Eintritt oder besser dem Einbruch der Massenarbeitslosigkeit 1974/75. Ging es eben noch um humane Arbeit, so ging es auf einmal wieder um nackte Arbeit. Wurden eben noch Rechte aus der Arbeit diskutiert, gab es alsbald eine breite sozialethische Diskussion über das Recht auf Arbeit überhaupt.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ging die Zahl der Arbeitslosen wieder deutlich zurück bis auf 800 000 im Jahre 1980. Dann kam es im Gefolge des zweiten Ölschocks zu einer sozialen Katastrophe. Die Zahl der Arbeitslosen verdreifachte sich in drei Jahren. Seither ist Arbeitslosigkeit die brennendste Wunde unserer Gesellschaft geblieben. Damals dämmerte allmählich die Er-kenntnis, dass Arbeitslosigkeit ein nicht oder nicht nur konjunkturell zu erklä-rendes und zu bekämpfendes Übel sei.

Damals wurde zum ersten Male nach langem Zögern der Versuch gemacht, über den Tellerrand der Konjunkturthese hinaus zu schauen und die "Zukunft der Arbeit"(IAB Arbeitsmarktbilanz 2000) in den Blick zu nehmen und aus den Erkenntnissen die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

In diesen Jahren, sagen wir zwischen 1977 und 1985, kam es sozialethisch betrachtet zu einer sehr bemerkenswerten Diskussion in unserem Land, die eben unter der Überschrift "Zukunft der Arbeit" geführt wurde. Die Bezeichnung "Zukunft der Arbeit" könnte fast als terminus technicus für ein modernes, die Folgen der neuen industriellen Revolution verarbeitendes Gesellschaftsre-formprojekt bezeichnet werden, das zeitweise auf ein breiteres gesellschaftliches Interesse stieß.*

    * Die Bezeichnung "Zukunft der Arbeit" taucht in diesem Sinne zum ersten Male in einem evangelisch-kirchlichen Text des Jahres 1976 auf, erhält dann breiten Raum in der Reihe rowohlt-aktuell, wird 1983 z.B. Schwerpunktthema in der Evangelischen Kirche von Westfalen und ist 1982 das Motto des Deutschen Soziologentages.

Auf den Punkt gebracht wurde die Herausforderung der Zeit durch Ralf Dah-rendorf, der mit erheblicher Wirkung an Hannah Arendts frühere Automations-these erinnerte mit einem Zitat, das Geschichte machte: der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus (Arendt 1960). Das Zitat ist es wert, genauer zitiert zu werden:

"Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?…Es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um deretwillen, die Befreiung sich lohnen würde."*
    * Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1996 8. Auflage

Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit und die seit Mitte der siebziger Jahre einsetzende Rationalisierung auf der Basis neuer mikroelektronischer Entwicklungen wurden aufeinander bezogen und als eine Verbindung von säkularer Bedeutung interpretiert.

Fast zur gleichen Zeit erschienen ein neuer Bericht des Club of Rome unter der Überschrift: "Auf Gedeih und Verderb - Mikroelektronik und Gesellschaft" (1980) und das aufregende zumindest anregende wegweisende Büchlein von André Gorz: "Wege ins Paradies - Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit" (1983)

Arbeitslosigkeit wurde nun nicht länger nur als ein konjunkturelles Problem angesehen, sondern als Begleit- und Folgeerscheinung eines andauernden und unumkehrbaren technologischen Prozesses, der diese Gesellschaft tiefgreifend berühren und verändern werde.

Viele Beobachter waren der Ansicht, dass auf lange Sicht die Produktivitätsrate im Vergleich zur Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts stärker wachsen werde. Die Schere zwischen Produktion und Produktivität werde sich weiter öffnen, kurz die Arbeit werde durch die technische Entwicklung aus der Pro-duktion vertrieben.

Es war die Rede von einer neuen industriellen Revolution. Gemeint war der Verlauf und die Wirkung der Gesamtheit der Techniken, die auf der Anwendung der Mikroelektronik beruhen. Der Computer war zum zweitenmal erfunden worden, miniaturisiert, universell einsetzbar, preisgünstig. "Keine andere Entdeckung seit der Dampfmaschine hat so weitgehende Auswirkungen auf alle Bereiche der Wirtschaft", hieß es dazu in dem genannten Bericht des Club of Rome (S.24)

Der Vormarsch der Mikroelektronik sollte sich als lautlose gesellschaftliche Unterwanderung vollziehen als basisinnovatorischer Prozess, der zugleich im Bereich von Produktion und Dienstleistung seine arbeitssparenden Wirkungen entfalten würde. Die Folgen, Gefahren und Chancen werden bis heute unter-schiedlich beurteilt und sind weiterhin umstritten. Darum sprechen wir auch nicht mehr vom technischen Fortschritt, sondern vom technischen Wandel mit mehr oder weniger epochalen Dimensionen. Unsere Haltung ist ambivalent: Fluch oder Segen, Befreiung des Menschen von der Arbeit oder Bedrohung der Arbeitsplätze, Vorhof der Hölle einer pathologischen Gesellschaft oder Wege ins Paradies.
Das sozialethische Projekt "Zukunft der Arbeit" von vor zwanzig Jahren war ein erster intensiver Versuch, in der Krise der Massenarbeitslosigkeit, Ansätze einer konkreten Utopie zu formulieren als Spiegel der Möglichkeiten der technischen Entwicklung für den Menschen, die Vertreibung der Arbeit nicht als Bedrohung, sondern als Befreiung zu begreifen.

Begriffe wie "jobless growth", menschenleere Fabrik, papierloses Büro fanden Eingang in die Diskussion. Das Ende der Vollbeschäftigung wurde schon damals konstatiert und damit das Ende der Arbeitsgesellschaft. Eine Zukunft der Arbeit jenseits der Vollbeschäftigung sollte ersonnen werden.

Gattungsgeschichtlich konnte darauf hingewiesen werden, dass wir uns in eine Wirklichkeit hinein bewegen, in der mit immer weniger Menschen gleichbleibend viel oder mehr gesellschaftlicher Reichtum erzeugt werden kann. Danach müsse das Gewicht nicht so sehr auf Wachstumsfragen gelegt werden. Die zentralen Fragen der neuen Zeit seien die nach der Verteilung von Arbeit und Einkommen in einer immer reicheren Gesellschaft mit immer mehr Arbeitslosen.

Die wesentlichen Entwürfe zu einer Zukunft der Arbeit kreisten um die Frage, wie diese Entwicklung zum Wohle aller gestaltet werden könne. Es ging in einer sterbenden Arbeitsgesellschaft um ein neues Verständnis von Arbeit und Einkommen. Wenn es durch Einsatz moderner Rationalisierungstechnologien gelingt, mit sinkendem Arbeitsvolumen mehr zu produzieren, dann ist das Maß des Einkommens auf lange Sicht nicht mehr die Arbeitszeit des Arbeiters, sondern die Lebenszeit des Bürgers.

Arbeit und Einkommen sollten stärker entkoppelt werden. Wer auf moderne Technologien setzt in der Produktion, braucht auch moderne Formen der Distribution. Man kann nicht Produktionsmethoden des 21. Jahrhunderts mit den Distributionsmethoden des 19. Jahrhunderts synchronisieren wollen. Das ist einfach anachronistisch. Das Grundübel der Zeit besteht darin, sagt heute Lester Thurow, dass im modernsten Kapitalismus Technologie und Ideologie nicht zusammen passen.

Um die Bandbreite der Teilnehmerschaft an der damaligen Diskussion kurz in Erinnerung zu rufen und um einige unkonventionelle Positionen zu dokumentieren, folgen jetzt einige Zitate interessanter Autoren: Nell-Breuning, Biedenkopf, Leontief, Albrecht, Gorz.*

    * s. Wolfgang Belitz: Arbeit ist das tägliche Brot, in: Wolfgang Belitz (HG.): Wege aus der Arbeitslosigkeit. Reinbek 1995, S. 243 - 259, hier S. 252 - 255

  • Oswald von Nell-Breuning (1982): "Um zu produzieren, was wir - die Arbeitslosen eingeschlossen - brauchen, um unseren gewohnten, an-spruchsvollen Bedarf zu decken, brauchen wir keine zusätzliche Arbeit."

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  • Kurt Biedenkopf (1983): "1931/32 ging das Bruttosozialprodukt in Deutschland innerhalb von 8 Monaten um 25% zurück. Heute verändert sich das Bruttosozialprodukt kaum. Das Volkseinkommen ist konstant oder leicht steigend. Gleichwohl nimmt die Zahl der Arbeitslosen zu. Das heißt, die Produktion, die das Volkseinkommen erzeugt, ist offensichtlich in Ord-nung, leistungsfähig und stabil. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der produktive Teil der Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland nicht in der Lage wäre, das gegenwärtige Sozialprodukt auf hohem Niveau und die konjunkturellen Schwankungen in engen Grenzen von 1-2% zu halten.

    Was heute betroffen ist, ist demnach nicht der produktive Teile unserer Volkswirtschaft, sondern das Verteilungssystem. Das System also, mit dem wir die Menschen am gemeinsam erzeugten Volkseinkommen beteiligen. Hier liegen die eigentlichen Probleme, hier ist der eigentliche Ort unserer Schwierigkeiten.

    Das Verteilungssystem, das wir uns geschaffen haben, um alle Menschen am Volkseinkommen zu beteiligen, ist von den jüngsten wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen…betroffen und in seiner Funktionsfähigkeit teilweise außer Kraft gesetzt. Was wir erleben, ist keine Krise der Wirtschaft, sondern die Krise der Verteilungssysteme. Diese Krise ist dadurch entstanden, dass die moderne Technologie mit immer weniger Arbeit auskommt und deshalb immer weniger Menschen über die Teilnahme am organisierten, arbeitsteiligen Produktionsprozess am Volkseinkommen beteiligt werden können…

    Daraus folgt: alle Maßnahmen, die auf die Verbesserung der Pro-duktionsstruktur gerichtet sind, gehen am Problem der Arbeitslosigkeit vor-bei, denn sie haben eine Verbesserung einer Struktur zum Ziel, die im we-sentlichen gesund ist und deren marginale Verbesserung die eigentlichen Ursachen für die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen kann."

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  • Johannes Berger (1982): "Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß, wenn die Einführung der Mikroelektronik in Fabrik und Büro den Prozeß der Vertreibung der Arbeit aus der Produktion und Verwaltung verstärkt, anstelle einer Politik für mehr Arbeitsplätze die Option eröffnet wird, die technisch sich vollziehende Abkopplung von Produktion und Be-schäftigung auch politisch und vor allem sozialpolitisch durch arbeitsmark-tunabhängige Systeme der Verteilung des Reichtums nachzuvollziehen."

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  • Wassily W. Leontief (1982): "Adam und Eva erfreuten sich vor der Ver-treibung aus dem Paradies eines sorglosen Lebens im Überfluss, und das ohne Arbeit.* Erst nach ihrer Vertreibung mussten sie und ihre Nachkom-men sich kümmerlich durchschlagen, dazu verdammt, vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung zu arbeiten. Die Geschichte des technischen Fortschritts der letzten 200 Jahre ist im Grunde die Geschichte der Menschheit, sich langsam, aber stetig wieder ein Paradies zu schaffen. Was aber würde geschehen, wenn wir uns tatsächlich darin wiederfänden? Wenn alle Güter und Dienstleistungen ohne Arbeit zu haben wären, würde niemand mehr gegen Entgeld beschäftigt. Arbeitslos sein hieße aber, ohne Einkommen sein, folglich würden im Paradies alle solange Hunger leiden, bis sich eine den veränderten Produktionsbedingungen angepasste Ein-kommenspolitik durchgesetzt hätte.

    Früher oder später - sehr wahrscheinlich früher - wird sich die zunehmend technisierte Gesellschaft daher noch einem anderen Problem stellen müssen: der Frage einer sinnvollen Einkommensverteilung… Um der Gefahr einer wachsenden, technisch bedingten Arbeitslosigkeit langfristig begegnen zu können, sollte die staatliche Politik das Ziel verfolgen, eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Einkommen sicherzustellen, und zwar ohne dabei direkt oder indirekt den technischen Fortschritt zu behindern.

    Im Vordergrund steht jetzt eher die Einkommensvorsorge als die Güterproduktion. Was mir vorschwebt, ist eine Einkommenspolitik mit einem Bündel von sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die alle auf eines zielen: Sie sollen die Einkünfte, der Arbeitnehmer, die sie durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft am Arbeitsplatz erhalten, durch Einkünfte aus anderen Einkommensbereichen, vor allem durch eine Beteiligung am Produktivvermögen, erhalten. Dazu bedarf es einer sorgfältig konzipierten Einkommenspolitik.

    Es wird keineswegs leicht sein, die bestehenden Verhältnisse an die Erfordernisse und Auswirkungen arbeitssparender Technik anzupassen. Außerdem dürfte es einige Zeit brauchen, bis man von der protestantischen Arbeitsethik mit dem Ideal eines harten und fleißigen Arbeitseinsatzes abkommt."
    * Die Erinnerung an die Arbeit im Paradies (...den Garten Gottes zu bearbeiten und zu bewahren) ist nicht nur diesem Ökonomen unbekannt, sondern in der nichtchristlichen und selbst in der christlichen Tradition des Arbeitsverständnisses insgesamt verloren gegangen.

  • Ernst Albrecht (1983, seinerzeit Ministerpräsident in Niedersachsen): "Unsere Gesellschaft hat eine Phase der Entwicklung erreicht, in der die materiellen Grundbedürfnisse des Menschen ohne Einsatz von Handarbeit weitgehend befriedigt werden können. Hieraus ergeben sich gravierende Veränderungen und Probleme. Die Verteilungsmechanismen müssen ganz neu überdacht werden. Die gewaltige Wertschöpfung in den Fabriken muss gerecht auf die Menschen verteilt werden. Es ist fraglich, ob der be-triebliche Arbeitslohn hierfür noch ausreichend ist. Auf jeden Fall wird die Beteiligung zunächst der Arbeitnehmerschaft, dann aber des ganzen Vol-kes am Produktivvermögen zu einer vorrangigen gesellschaftspolitischen Aufgabe. Wenn das ganze Volk angemessen am Produktivvermögen be-teiligt ist, sind die durch den Strukturwandel bedingten Auswirkungen auf das familiäre Einkommen der Menschen begrenzt."

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  • André Gorz (1982): "Mit weniger Arbeit mehr produzieren, die Früchte des technischen Fortschritts besser verteilen, ein neues Gleichgewicht schaffen zwischen Pflichtarbeit und frei verfügbarer Zeit, allen Menschen die Möglichkeit zu einem entspannteren Leben und vielfältigeren Beschäftigungen geben, dies sind die neuen Ziele, um die es sozial und politisch zu kämpfen gilt."

Wege ins Paradies wurden seinerzeit nicht beschritten. Die Zukunft der Arbeit war schon Vergangenheit, ehe sie begonnen hatte. Dahrendorfs Ausruf des Arendt-Zitats: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus, wurde stürmisch mit zwei ideologisch unterschiedlichen Hinweisen auf Realitäten begegnet:
  • Arbeit ist genug da. Auch wer erwerbsarbeitslos ist nicht beschäftigungslos. Damit setzte ein sehr merkwürdige Diskussion über ehrenamtliche Arbeit ein.

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  • Arbeit ist nur knapp, weil sie zu teuer ist. Arbeit wird vermehrt wenn sie verbilligt wird.

Damit war das Stichwort gegeben, das bis heute Diskussion und Praxis beherrscht:
Die Kosten der Arbeit. Nach Humanisierung der Arbeit, Recht auf Arbeit, Zukunft der Arbeit, wird die menschliche Arbeit in diesem Land seit mehr als 15 Jahren ausschließlich in die Kosten gefasst. Dieser Frage verschließt sich niemand. Aber wenn wir die Rede von der menschlichen Arbeit ausschließlich als Kostenfaktordebatte führen, erreichen wir einen neuen Tiefstand in der humanethischen Diskussion, der den ökonomischen Interessen nutzt und den Blick verstellt für die Bedeutung der Arbeit für das Selbstverständnis und die Selbsterhaltung der Individuen in der neuzeitlichen Industriegesellschaft.

"Kosten der Arbeit" das ist der Lieblingskampfplatz der neoliberalen Konterrevolution, die seit Anfang der 80er Jahre mehr und mehr das Feld beherrscht hat mit ihrer Ein-Ideen-Weltanschaung, die der Ökonomie und ihren Gewinnen nutzt und der Würde des Menschen schadet. Alle und alles haben sich der Marktradikalität zu beugen. Hier beginnt der mitreißende Siegeszug zur Vollbeschäftigung: Niedrigere Arbeitskosten - höhere Gewinne - mehr Investitionen - mehr Wachstum - mehr Beschäftigung. Wer geriete da nicht ins Schwärmen. Wer wäre da nicht bereit, den Staat aus seiner Verantwortung für das gesellschaftliche Subsystem Wirtschaft zu entlassen, den Sozialstaat zu schleifen, das Rad der Sozialgeschichte ins vorletzte Jahrhundert zurückzudrehen, die Steuern für Unternehmen und Wohlhabende zu erlassen, zu deregulieren, zu liberalisieren, zu privatisieren, wenn mit diesen geringen Opfern das hehre Ziel der Vollbeschäftigung wieder zu erreichen ist. Was anderes ist eine soziale Marktwirtschaft als eine libertinäre Marktwirtschaft nach dem Motto: Die Reichen müssen reicher werden, damit die Armen Arbeit finden. Oder: Das Kapital muss sich wohl fühlen, damit alle ihr Wohl finden.

John F. Galbraith hat diese Art der Kapital gesteuerten Politik schon vor Jahrzehnten als die sogenannte Pferd-Spatz-Theorie bezeichnet. Wer das Wohl der Spatzen im Auge hat, darf nicht fragen, was den Spatzen zukommt und zusteht. Es ist vielmehr die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, die Krippen der Pferde mit allen erdenklichen Gaben und mundenden Zutaten zu füllen. Pferdewohl ist auch Spatzenwohl, denn nur wohlgenährte Pferde können auch das Überleben der Spatzen sichern. Erleichterungen und Entlastungen der Wirtschaft bei Steuern und Abgaben, Löhnen und Lohnnebenkosten, Jugendschutz und Sonntagsruhe werden dazu führen, das Los der Arbeitslosen zu erleichtern.

Radikaler Ökonomismus als Leitbild und Praxis deutscher Politik seit 18 Jahren - das ist nach 150 Jahren sozialgeschichtlichen Kampfes um Gerechtigkeit und Menschenwürde in Wirtschaft und Arbeitswelt ein wahrhaft glanzvolles Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts, ein fulminanter Abschied von der sozialen Marktwirtschaft und ein klägliches Ende des rheinischen Kapitalismus, um den uns die Welt viele Jahre beneidet hat.

Die neoliberale Konterrevolution hat in der Arbeits- und der Lebenswelt der Menschen inzwischen tiefe Spuren hinterlassen. Nichts ist mehr wie es früher einmal war. Aber nichts ist für arbeitende und arbeitslose Frauen und Männer besser geworden in diesem Land. Es gibt Gewinner und Verlierer. Verlierer der Stunde sind die abhängig Beschäftigten und ihre Gewerkschaften.

Nun kommt aber auch die Zeit, da manch einer beginnt, den Kostenmythos der Deutschland AG zu durchschauen und zu erkennen, dass die gesamte Gesellschaft sich in einer Kostenfalle hat festsetzen lassen. Materiell betrachtet, dämmert manch einem die Erkenntnis, dass wir zwar in einem der reichsten Länder der Erde leben, die Diskussion über den gesellschaftlichen Reichtum in Deutschland aber nahezu verstummt ist. Ideell betrachtet, erscheint manchen aufmerksamen Zeitgenossinnen und -genossen die Reduktion der Fülle der abendländischen Ideengeschichte auf die Idee der Alleinherrschaft der Ökonomie als eine nur den herrschenden Interessen dienende unverantwortliche und unredliche Simplifikation, die weder der Komplexität der Realität noch den Wertsystemen des Menschlichen auch nur von Ferne gerecht werden kann.